Von Lenin stammt (angeblich) der Spruch, den wir alle kennen: „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser". Diese Einstellung engt Menschen ein, sie macht sie klein. Und sie ist überholt: In Zeiten von digitaler Arbeit, virtuellen Teams und Projektarbeit muss man – auch in der Sicherheitsarbeit – bereit sein, einen Vertrauensvorschuss zu geben, um Menschen wachsen zu lassen. Die reagieren nämlich häufig nach dem Motto: „Was man mir zutraut, kann ich auch!" Was können Sie also tun, um Menschen zur Entfaltung zu ermutigen?

 

Brauchen Sie Kontrolle?

Menschen brauchen Kontrolle, keine Frage. Übermäßige (!) Kontrolle hingegen untergräbt Selbstvertrauen. „Der traut mir ja gar nichts zu" – wer sich so behandelt fühlt, wird keine eigenen Ideen entwickeln, sondern irgendwann Dienst nach Vorschrift machen. Er wird vielleicht den Schutzhelm aufsetzen und lethargisch seinen Job machen, aber sich nicht aktiv am Arbeitsplatz einbringen; und so wird er vielleicht nicht bemerken, dass der Notausgang zugestellt ist oder ein Mindesthaltbarkeitsdatum längst abgelaufen ist.

Was wir brauchen, ist Feedback: Rückmeldung über unsere Leistung. Das erfordert, dass unsere Arbeit kontrolliert wird – das ist allen klar. Für Freude an der Arbeit brauchen wir aber außerdem das Gefühl, dass man uns etwas zutraut und wir uns im Betrieb engagieren und entfalten können. Erst dann macht Arbeiten richtig Spaß: Wenn andere uns schätzen und uns das spüren lassen. Das macht uns stärker und lässt uns über uns selbst hinauswachsen.

Vertrauen stärkt Selbst-Vertrauen

Auch in dem Ausdruck „Selbstvertrauen" steckt das Wort „Vertrauen". Sie können Kollegen und Kolleginnen in ihrem Selbstwertgefühl stärken, indem Sie einen Vertrauensvorschuss geben, der sich auf der Verhaltensebene niederschlägt, beispielsweise durch das Übertragen wichtiger Aufgaben. Viele Leute können überhaupt nur dann eine gute Leistung abliefern, wenn sie sich wertgeschätzt fühlen. Die Wertschätzung ist für sie Betriebsflüssigkeit und Doping zugleich.

Natürlich können Sie nicht wettmachen, was in der Kindheit Ihres Kollegen oder Ihrer Kollegin versäumt wurde. Aber Sie können Ihr Gegenüber darin unterstützen, selber den Blick auf die eigenen Stärken zu lenken und gut für sich selbst zu sorgen. Vergessen Sie dabei nie, dass Sie nicht der Therapeut oder die Therapeutin sind. Sie werden den anderen nie wirklich „heilen" können von seiner Unfähigkeit, durch anerkennende Äußerungen anderer „satt" zu werden. Die folgenden Tipps können für Sie vielleicht eine Unterstützung darstellen.

Selbst-Vertrauen stärken – ganz einfach

Wertschätzung sollte nicht das Ergebnis einer Entwicklung sein („er hat einen guten Job gemacht, also kann ich ihn von nun an wertschätzen"), sondern sie sollte als Vorschuss gewährt werden, genau wie Reinhard Sprenger es für Vertrauen fordert (Sprenger, 2007, in seinem Buch „Vertrauen führt"). Der Wertschätzungsvorschuss äußert sich in Einstellungen wie „ich unterstelle ihm, dass er hier einen guten Job machen will, und nun ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass er sich dabei optimal einbringen kann".

Erinnern Sie den anderen an seine Erfolge! Damit setzen Sie sich nicht dem Verdacht der Anbiederung aus, denn diese Erfolge hat es ja in der Vergangenheit gegeben. Sagen Sie zum Beispiel „Du hast doch schon ganz anderes hinbekommen – weißt du noch damals, als ...!" Sinnvoll ist vor allem das Erinnern an Erfolge, die unter Widerständen oder nach erster Skepsis errungen wurden. Sie bringen den Kollegen in Kontakt mit seinen Ressourcen.

Eine weitere Idee zur Stärkung des Selbstvertrauens: Fragen Sie Ihren selbstwertschwachen Kollegen, wie er selber seine Leistung einschätzt. Und wenn dann ein zaghaftes „nicht sooo übel" kommt, können Sie dies mit einem lächelnden Nicken bestätigen und vielleicht noch eine Begründung für die positive Bewertung hinterherschicken.

Der Kontroll-Kreislauf mal 2

Eine Sicherheitsfachkraft oder auch ein Meister denkt über einen Teil der Kollegen: „Die sind super, auf die kann ich mich verlassen, die machen alles in guter Qualität, sind immer da, sind selbständig, denen kann ich vertrauen, denen kann ich auch entsprechende Aufgaben übertragen. Bei denen sieht man, wie ich eigentlich bin. Die mögen mich, die mag ich auch." Und über die anderen: „Die muss ich kontrollieren, die machen oft blau, da muss man dahinter stehen, die sind sonst faul. Die mag ich nicht."

Spannend ist: Was denken die Kollegen? Die ersten denken: „Wir haben Glück mit unserer FaSi / Führungskraft, die traut uns was zu, wir können uns entfalten, die hat keinen Kontrollzwang, die lässt uns machen, wir haben einen Super-Meister; den mögen wir!" Die anderen denken: „Das ist ein Kleinkrämer; nichts darf man machen, ohne kontrolliert zu werden; ständig ist er auf der Fehlersuche, das macht keinen Spaß; den mag ich nicht!"

Daraus ergeben sich ganz schnell Kreisläufe: Jemand aus der zweiten Gruppe zieht sich zurück; er weiß ja, er wird eh kontrolliert. Die Sicherheitsfachkraft oder Führungskraft denkt: „Der zieht sich zurück, den muss ich kontrollieren! Wie, der zieht sich noch mehr zurück? Den muss ich ...!" Sie kennen das vielleicht auch selber: Engmaschige Kontrollen lassen Menschen mit Rückzug reagieren. Das trägt nicht zur Selbstentfaltung bei. Noch mehr Kontrolle führt zu noch mehr Rückzug. Man geht sich aus dem Weg, auch körperlich: Beide Seiten wahren einen größeren Abstand.

Vertrauen birgt immer Risiken.

Es ist also umgekehrt für alle Beteiligten von Vorteil, wenn Sie ihnen etwas zutrauen und einen Vertrauensvorschuss gewähren. Gelinggarantien kann es dabei nicht geben. Natürlich kann es sein, dass Ihr Vertrauen mehrfach enttäuscht wird. Aber wenn Sie es nicht ausprobieren, bleibt vielleicht viel Potenzial unentdeckt.

Wertschätzung im Betrieb – dazu gehört eben auch, dem anderen das Beste zu unterstellen und neue Aufgaben zuzutrauen. Wenn alle aneinander glauben, werden Innovationen leichter fallen. Und so hoffen und wünschen wir Ihnen, dass Sie das Risiko mit dem Vertrauensvorschuss eingehen 

Sofort-Tipps, mit denen Sie Menschen wachsen lassen:

Fragen Sie den Kollegen, auf welchen Aspekt seiner Arbeit er stolz ist!
Zeigen Sie Interesse an der Einschätzung des Kollegen, zum Beispiel bei einem technischen Problem!
Fragen Sie den Kollegen, wo er seine Stärken sieht und glaubt, sie am besten im Betrieb einbringen zu können. Und dann versuchen Sie, ihn dort einzusetzen!
Übertragen Sie Verantwortung bei Sonderaufgaben!
Geben Sie regelmäßig Feedback – mindestens 3mal mehr positives als negatives!
Trauen Sie den Kollegen etwas zu! Gewähren Sie einen Vertrauensvorschuss!

In diesem Sinne: Ein herzliches „do care!"

Anne Katrin Matyssek und das gesamte BAAK-Team

Quellen:
Matyssek, Anne Katrin (2011): „Gut, dass Sie da sind!" – Arbeitsheft zum Buch „Wertschätzung im Betrieb". Norderstedt: BoD.

FaLang translation system by Faboba